Gesundheit
Die Encephaliozoonose des Kaninchens

Die Encephaliozoonose des Kaninchens

Die Encephalitozoonose (Schiefhalskrankheit) des Kaninschens

Immer wieder werden in der Kleintierpraxis Kaninchen mit zum Teil sehr schwerwiegenden neurologischen (also das Nervensystem betreffenden) Ausfallserscheinungen vorgestellt. Das klinische Bild variiert zwar relativ stark, beinhaltet aber immer eines oder Kombination von mehreren der folgenden Symptome:

     

  • eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Kopfschiefhaltung
  • in schweren Fällen Rollen um die Längsachse des Tieres
  • unkoordiniert erscheinende Bewegungen der Gliedmassen
  • Krampfanfälle, teilweise mit Bewusstlosigkeit
  • bei länger dauerndem Krankheitsgeschehen Rückgang der Muskulatur (Muskelatrophie)
  • unkontrollierte Bewegungen der Pupillen, meist in horizontaler Richtung (Nystagmus)
  • schlaffe oder krampfartige Lähmungen einer, mehrerer oder aber aller Gliedmassen
  • Schmerzempfindungen ohne erkennbare äußere Ursache, die zur Selbstverstümmelung führen können (Automutilation)
  • ein Ausfall der Fähigkeit der Pupille, sich bei Lichteinfall zu verengen (Ausfall des Pupillarreflexes)
  • in seltenen Fällen können auch Blindheit, Taubheit oder chronisches Nierenversagen auftreten

Hervorgerufen wird dieses Krankheitsbild durch einen Parasiten, der vor allem Zellen des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark) aber auch andere Organe wie Niere, Lunge, Leber, Milz, Darm oder Augen befällt. Bei diesem Parasiten handelt es sich um Encephalitozoon cuniculi, der primär Kaninchen befällt, jedoch auch bei anderen Säugetieren nachgewiesen werden konnte. Infektionen bei Menschen beschränken sich nach heutigem Wissensstand auf einige wenige Personen mit massiv geschwächtem Immunsystem (AIDS-Patienten).

Infizierte Kaninchen scheiden den Erreger mit ihrem Urin aus oder übertragen ihn während der Trächtigkeit auf ihren Nachwuchs. Die meisten Patienten infizieren sich über die orale Aufnahme von Erregern, meist über kontaminierte Einstreu oder Futter.

Tückischer Weise können Kaninchen den Erreger über Jahre in sich tragen, ohne klinisch zu erkranken. Studien zeigen, dass etwa 50% der als Haustier gehaltenen Kaninchen Antikörper gegen Encephalitozoon haben, nur ein Bruchteil dieser so genannten seropositiven Tiere erkrankt jedoch im Laufe seines Lebens auch. Leider lässt sich mit heutigen Methoden nicht voraussagen, welches Tier erkrankt und welches "nur" stiller Träger bleibt.

Die Diagnose "Encephalitozoonose" stellt der behandelnde Tierarzt primär durch den Ausschluss in Frage kommender Erkrankungen mit ähnlicher Symptomatik (z.B. Mittel- oder Innenohrentzündung). Sollten danach noch Zweifel an der Diagnose vorhanden sein, kann eine Blutuntersuchung auf die oben erwähnten Antikörper im Blut einen weiteren wertvollen Hinweis liefern.

Eine Therapie ist um so Erfolg versprechender, je früher sie einsetzt. Gerade Patienten, die eine schon ausgeprägte Muskelatrophie aufweisen, überleben die Erkrankung meist nicht. Interessanter Weise steht die Schwere der Symptomatik in keinem Zusammenhang mit der Chance auf Heilung. So erholen sich (aus eigener Erfahrung) meist auch Kaninchen, die komplett gelähmt sind, so lange sie noch selbstständig Futter aufnehmen erstaunlich gut. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang erscheint die Tatsache, dass auch bei einer klinischen Gesundung die Tiere nach wie vor den Erreger in sich tragen.

Die Therapie selbst erfolgt über eine Kombination von Antiparasitika (Fenbendazol), Antibiotika (Enrofloxacin oder Chloramphenicol), Vitaminen (Vitamin-B-Komplex) sowie gegebenenfalls Zwangsfütterung und Physiotherapie.

Bei der Diagnose und Behandlung der Encephalitozoonose berät Sie Ihr Tierarzt gerne.

 

© Christian Bank (Tierarzt)

Kleintierpraxis Dr. Lewitschek

Gesundheit