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Pharmagroßhandel: Neue Herausforderungen an Logistik-Spezialisten

Pharmagroßhandel: Neue Herausforderungen an Logistik - Spezialisten

Steigende Ansprüche der Patienten und hoher Kostendruck. In diesem Spannungsfeld ist der Pharmagroßhandel tätig. Insbesondere die wiederholten Eingriffe der Politik haben den Kostendruck im Pharmagroßhandel erhöht. Mit dem geplanten Vorschaltgesetz zur Gesundheitsreform soll vor allem der Distributionsweg der Arzneimittel mit rund 1,4 Mrd. Euro entlastet werden. Gleichzeitig werden die Anforderungen an Schnelligkeit und Verfügbarkeit der Arzneimittelversorgung und damit an die logistische Leistung des Pharmagroßhandels ständig höher.

 

 

Kaum jemand, der zwei Stunden nach der Bestellung ein Arzneimittel in der Apotheke abholt, fragt sich, wie die Apotheke das fehlende Präparat so schnell beschafft. Dahinter steckt die logistische Leistung des Pharmagroßhandels: Er beliefert Apotheken mit Arzneimitteln und weiteren Produkten des über Apotheken vertriebebenen Sortiments. Diese logistische Gesamtleistung umfasst:

 

 

  • Die Beschaffung

 

  • Die Lagerung der Ware: Dabei fungiert der Pharmagroßhandel mit einem Warenbestand von mehr als 130.000 Artikeln und einer großen Sortimentstiefe als externes Lager der Apotheke, die im Regelfall nur 5.000 bis 12.000 verschiedene Artikel bevorratet.

 

  • Die Auftragsannahme: Erfassung und Prüfung der von der Apotheke übermittelten Aufträge, Lieferzusage bzw. Defektinformation und Kundeninformation.

 

  • Die Belieferung der Apotheken. Das beinhaltet auch das Liefern von Kühlketten-Produkten, Opiaten und Gefahrenstoffen über besondere Transportsysteme.

 

  • Die Retouren: Bearbeitung und Buchung der Warenrückläufe von Apotheken und der Industrie, Industrieretouren und Arzneimittel-Rückrufe - das, was man heute als Retrologistik bezeichnet.

 

Über diese Leistungen übernimmt der Pharmagroßhandel die Rolle des externen Lagers, das vermindert die Kapitalbindung in der Apotheke.

 

Basis für diese Leistung sind Pharmagroßhändler, die ein flächendeckendes Mikrofeinverteilungs-System aufweist. Im Jahr 2001 wurde das integrierte Mikrologistik-System für die Distribution von Arzneimitteln mit dem Deutschen Logistik-Preis und dem European Logistics Award ausgezeichnet.

 

Healthcare-Logistik in Deutschland

 

Im Bereich Healthcare gibt es eine Vielzahl verschiedener Leistungserbringer: Gesundheitsdienstleister wie Ärzte, Krankenhäuser, Labore, Reha- und Vorsorgeeinrichtungen, Alten- und Behindertenheime, Pflegedienste oder Krankengymnasten. Dazu kommen Versorgungsdienstleister wie Apotheken, Drogerien und einschlägige Verbrauchermärkte, Sanitätshäuser, Optiker oder Reformhäuser - um nur die wichtigsten zu nennen.

 

Alle diese Leistungserbringer benötigen logistische Leistungen. Das Marktvolumen des deutschen Healthcare-Marktes wird auf rund 200 Mrd. Euro veranschlagt. Den "Löwenanteil" daran zahlen die Gesetzlichen Krankenkassen mit jährlichen Ausgaben in Höhe von über 140 Mrd. Euro.

 

Wie hoch allerdings das Marktvolumen für Healthcare-Logistik ist, lässt sich nur schätzen. Es dürfte in Deutschland zwischen 5 und 8 Mrd. Euro liegen. Also bei rund 4 bis 5% des gesamten Logistik-Umsatzes in Deutschland.

 

Die Strukturen in der Healthcare-Logistik sind geprägt durch die Parallelität mehrerer funktional ähnlicher Teilsysteme und durch eine völlig zersplitterte Anbieterstruktur: Für fast jedes Marktsegment bestehen eigene logistische Strukturen für die Ver- und Entsorgung, inkl. Disposition und Abrechnung. Dabei sind die Funktionalitäten im Grunde in jedem dieser Teilsysteme gleich.

 

Durch das Standardisieren von Leistungen ließe sich die Leistungserbringung bündeln und der Markt optimaler versorgen. Dadurch ließen sich auch kleinste Bestellmengen effizient und schnell zu annehmbaren Kosten händeln. Horizontale und vertikale Netzwerke zwischen mehreren Gesundheits-, Versorgungs- und Logistik-Dienstleistern, also Kooperationen im Gesundheitsbereich wären der realistische Weg, die Leistungen effizient zu bündeln.

 

Aber Standardisierung und Bündelung von Leistungen kann nur dort erfolgen, wo keine wettbewerbsrelevante Positionierung stattfindet. Dies ist in dem völlig zersplitterten Markt wie dem Gesundheitsbereich organisatorisch nur durch Kooperationen oder Fusionen möglich. Fusionen schaffen innerhalb eines Marktsegments die notwendigen Größen, um wirtschaftlich arbeiten zu können.

 

Der Pharmagroßhandel hat diese Phase bereits in den 70er und 80er Jahren absolviert. Heute arbeitet man in typischen Oligopolstrukturen. In der Pharmaindustrie läuft dieser Prozess noch. In allen anderen Bereichen des Gesundheitswesens hat er gerade erst begonnen.

 

Es ist noch ein weiter Weg, bis sich der Netzwerkgedanke in der Healthcare-Logistik realisieren lässt. Zur Zeit gibt es noch zu viele Blocker, die einen Wandel verhindern, wie zum Beispiel die Regulierung durch kassengesteuerte Versorgungssysteme oder die zum Teil widersprüchlichen Interessen und Mentalitäten der Leistungserbringer im Gesundheitswesen. Dazu kommt, dass logistische Fragestellungen der Politik als der entscheidenden regulatorischen Instanz im Gesundheitswesen völlig fremd sind.

 

 

Neue Herausforderungen durch das Vorschaltgesetz

 

Das zeigen auch die jüngsten Pläne der Bundesregierung: Mit dem sogenannten Vorschaltgesetz wird das Gesundheitswesen erneut vor große Herausforderungen gestellt. Wenn auch unterschiedlich stark, werden die politischen Maßnahmen diesmal alle treffen, die im Gesundheitsbereich tätig sind. Über das Beitragssatzsicherungsgesetz will die neue Bundesregierung kurzfristig die Kassen um mehr als 3 Mrd. Euro entlasten. Davon entfallen 1,4 Mrd. Euro auf den Arzneimittelbereich.

 

Allein der Großhandel soll - zu Apothekenverkaufspreisen - einen dreiprozentigen Abschlag ("Zwangsrabatt") auf verschreibungspflichtige Fertigarzneimittel gewähren. Das Gesetz zielt darauf ab, die Rationalisierungserfolge der letzten zehn Jahre abzuschöpfen. Mit der vorliegenden Regelung wird rund ein Drittel der bisherigen Handelsspanne im Pharmagroßhandel wegfallen. Das übersteigt ein Vielfaches der heutigen Gewinne des Pharmagroßhandels.

 

Bisher hatte der Pharmagroßhandel diese Rationalisierungseffekte in Form von Rabatten an die Apotheken weitergegeben. Diese sind jedoch nicht nur durch die Spannenkürzungen beim Großhandel betroffen; durch die Kappung der Spannen im hochpreisigen Segment bittet die Gesundheitsministerin die Apotheker mit rund 350 Mio. Euro zusätzlich zur Kasse. Pro Apotheke könnte sich die Belastung damit auf über 50.000 Euro summieren.

 

Eine Konzentration der Apotheken auf nur wenige Lieferanten wäre die Folge. Dies hätte besonders für die regionalen, privaten Pharmagroßhändler existenzbedrohende Auswirkungen. Dagegen wäre eine Konsolidierung des Marktes für deutschlandweit aufgestellte Pharmagroßhändler mit überlegener Kostenstruktur eine Chance.

 

Fest steht, dass der Wettbewerb unter den Key-Playern im Pharmagroßhandel sich weiter verschärfen wird. Ausgetragen wird dieser zum Teil über die logistischen Leistungen, aber auch ganz entscheidend über Serviceleistungen und gemeinsam mit den Marktpartnern entwickelte intelligente Konzepte.

 

Weitere Informationen unter: www.anzag.de

 

Text- und Fotoquelle: Horst Trimborn Vorstandsvorsitzender der Andreae-Noris Zahn AG (ANZAG)


 

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